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Wandern und mehr / Raus aus der Komfortzone: 100 km in 24 Stunden

MegaMarsch 2017 Frankfurt

Raus aus der Komfortzone: 100 km in 24 Stunden

von Chris

Bereits im letzten Jahr hat mich Wanderreporterin Daniela von Wrightsock angeschrieben, ob ich Interesse an einer 100-km-Wanderung hätte. Damals winkte ich ab: 100 Kilometer? Huh? Nee, danke. Dieses Jahr verfolgte ich auf Twitter eine Wanderung des fünfköpfigen Wrightsock-Teams, das sich auf den MegaMarsch von Frankfurt nach Weinheim durch den Odenwald vorbereitete. Nun war doch meine Neugier geweckt. 100 Kilometer? Es ist doch bestimmt mal interessant, seine Grenzen zu testen und vielleicht auch zu verschieben – raus aus der Komfortzone also. Immerhin wandere ich im Jahr um die 2000 Kilometer, Kondition sollte ich also haben. Vielleicht meckern meine Gelenke, ab und zu plage ich mich mit Knieproblemen herum, das werde ich dann aber herausfinden.

Allerdings möchte ich eine solche Strecke nicht alleine machen, im Team wäre es doch sicherlich angenehmer. Also schrieb ich Daniela an, ob es noch möglich wäre, zum Team dazuzustoßen. Ich erhielt vorerst keine Antwort und verfolgte es nicht weiter. Eine Woche vor der Veranstaltung bekam ich dann eine Nachricht, dass Karin leider verletzungsbedingt ausfällt und somit ein Platz frei wäre. Ohne groß nachzudenken sagte ich zu. Immerhin habe ich im September den Saar-Hunsrück-Steig mit Gepäck erwandert, genug Kondition sollte also vorhanden sein.

Als Komfortzone wird übrigens das Umfeld bezeichnet, das man kennt und gewohnt ist und in dem man sich wohlfühlt. Diese Zone endet dort, wo es nicht mehr bequem ist und die Anstrengung oder Überwindung beginnt. Da ich bisher größtenteils Wanderung zwischen 15 und 30 Kilometern absolviere, verlasse ich bei einer 24-Stunden-Wanderung definitiv die Komfortzone und nehme eine neue Herausforderung an.

Wrightsock ist ein Hersteller von Socken mit dem Ziel, Blasen zu vermeiden. Also genau das, was man sich als Wanderer oder Läufer wünscht. Die Firma sponsort das fünfköpfige Team für den MegaMarsch Frankfurt 2017. Die Startgebühren sind ebenso inklusive wie ein Funktionsshirt zur Veranstaltung und zwei Paar MegaMarsch-Wandersocken. Zusätzlich wird das Team unterwegs versorgt.

Ich selbst nutze bereits seit letztem Jahr Wandersocken von Wrightsock und bin glücklich damit. Das Sponsoring beeinflusst in keiner Weise meine Berichterstattung, ich gebe meine ehrliche und ungefilterte Meinung wieder.

Die Vorbereitung

Ich verfolge die Vorbereitung von Bianca, einer weiteren Teilnehmerin im Wrightsock-Team, die zweimal 50 Kilometer im Training lief. Oh, denke ich mir, sie ist aber fit. Vielleicht sollte ich auch einmal eine Trainingswanderung unternehmen? Gesagt, getan, am Samstag vor der Veranstaltung lief ich 41 Kilometer, ich habe die Tour in MegaMarsch – Die Vorbereitung beschrieben. Mein Ziel habe ich aufgrund der kurzen Vorbereitungszeit und da meine längste Wanderung bisher „nur” 41 km beträgt (aus der Vorbereitungstour eine Woche vorher), auf 60+ Kilometer festgelegt. Alles andere ist Kür. Dabei möchte ich einen Schnitt von 4,5-5 km/h laufen.

Der Tag davor

Am Vortag packe ich meine Sachen für die 24-Stunden-Wanderung. Bei der Vorbereitungstour eine Woche vorher habe ich gemerkt, dass Wasser trinken immer bedeutet, dass ich den Rucksack absetzen muss. Bei normalen Wanderungen ist das kein Problem, da es meist viele Pausen gibt, bei dieser Strecke jedoch möchte ich trinken, wenn ich es für sinnvoll halte und nicht, wenn ich gerade eine Pause mache. Daher holte ich mir noch kurzfristig einen Trinkschlauch.

Auch kauft ich mir noch Pferdesalbe und Hirschtalg. Das erstere nutze ich, um meine Waden zu einzureiben, es erfrischt und kühlt, das zweite um Reibungspunkte an den Füßen und damit Blasen zu vermeiden.

In eine weitere Tasche habe ich zusätzlich Wechselkleidung, Ersatzsocken und wärmere Sachen für die Nacht eingepackt, diese bleibt im Versorgerauto. Neben den obligatorischen Trekkingstöcken lege ich auch Kniebandagen bereit und packe noch Voltaren ein, wenn es zwickt, kann ich mir so einen Salbenverband anlegen. Kurzfristig habe ich mir noch eine Cola geholt, wenn mich die Müdigkeit packt kann ich so einen kleinen Koffeinschub bekommen. Für den Notfall habe ich auch ein Erste-Hilfe-Set dabei, inkl. Ibuprofen. Natürlich dürfen auch Energie- und Schokoriegel nicht fehlen.

Meine Spiegelreflexkamera bleibt leider aus Gewichtsgründen zuhause, auch wenn es mich schmerzt. So bleibt mir nur die Handykamera, um Eindrücke der 24-Stunden-Wanderung einzufangen.

Als Wanderrucksack habe ich mir mein 33-Liter-Modell von Osprey gegriffen. Dieser bietet den Vorteil, dass im Hüftgurt Taschen vorhanden sind, die ich nutze, um Riegel schnell greifbar zu haben. Zusammen mit dem Trinkschlauch kann ich damit ohne Absetzen des Rucksacks Wasser trinken und Nahrung aufnehmen. In die Stirnlampe habe ich frische Batterien eingelegt, nichts ist ärgerlicher, als wenn im Dunkeln das Licht schwächelt. Ersatzakkus für GPS-Gerät und sicherheitshalber auch der Stirnlampe sind ebenfalls dabei.

Für das Veranstaltungswochenende ist traumhaftes Herbstwetter mit viel Sonnenschein und tagsüber warmen Temperaturen angesagt. Die Regensachen bleiben also glücklicherweise zuhause.

Die Stunden vor dem Start

Der Tag fängt schon gut an, meine innere Uhr meint, 6 Uhr sei die richtige Zeit zum Aufstehen und so war ich viel zu früh schon hellwach. Eigentlich wollte ich erst um 9 Uhr vom Wecker aufgeweckt werden. Dabei bin ich absichtlich erst spät ins Bett. Nun, so döse ich noch die drei Stunden vor mich hin. Treffpunkt mit dem Wrightsock-Team ist zwischen 12 und 13 Uhr in Bensheim, ein Hotel ist unsere Basisstation. Zwei Zimmer sind für die Aussteiger reserviert.

Um 10:30 Uhr fahre ich los nach Bensheim, im Zug fallen mir immer wieder die Augen zu, „toller Beginn”, denke ich mir. Am Bahnhof empfangen mich Daniela und Günter von Wrightsock, auch Rolf und Brigitte von laufendhelfen.de sind bereits da, die beiden wandern mit uns, Wrightsock spenden an ihre Initiative, die sich für die Unterstützung von behinderten Menschen einsetzt, für jeden vom Team gelaufenen Kilometer einen Euro.

Gepackter Rucksack
Gepackter Rucksack
Unser Versorgungsfahrzeug hat viel zu essen dabei
Unser Versorgungsfahrzeug hat viel zu essen dabei
Und auch an das Trinken ist gedacht
Und auch an das Trinken ist gedacht

Am Hotel war bereits Jörg angekommen, zusammen setzen wir uns die Lobby, trinken noch Kaffee – das macht mich dann doch etwas wacher. Bianca stößt kurz darauf auch noch zu uns, somit waren wir fast komplett. Michaela treffen wir in Frankfurt. Von Wrightsock bekomme ich noch einen Beutel mit T-Shirt und zwei Paar MegaMarsch-Wandersocken, in dem auch bereits etwas Verpflegung liegt.

Gegen 13:15 Uhr fahren wir zusammen nach Frankfurt, wir haben dort noch über zwei Stunden Zeit bis zum Start der Wanderung.

Der Ablauf der Veranstaltung

Jeder angemeldete Teilnehmer erhält ein Armbändchen. Da insgesamt 1000 Teilnehmer gemeldet sind, erfolgt der Start ab 16 Uhr in Gruppen von etwa 200-300 Teilnehmern. Damit wird bereits zu Beginn das Teilnehmerfeld etwas entzerrt. Es gibt fünf Verpflegungsstationen, bei den Kilometern 21, 37, 59, 71 und 81. Hier gibt es die übliche Verpflegung: Wasser, Bananen, Äpfel, Riegel und am frühen Morgen auch Kaffee. Die Verpflegungsstationen haben eine begrenzte Zeit offen, die sich anhand der durchschnittlichen Wandergeschwindigkeit von 4,2-6 km/h berechnet. Spätestmögliche Ankunftszeit am Ziel ist 17 Uhr. Damit hat man bei einem Start um 16 Uhr max. 25 Stunden Zeit, um die Wanderung erfolgreich abzuschließen. Der Wanderweg verläuft größtenteils auf dem Europäischen Fernwanderweg Nr. 1 (E1) von Frankfurt nach Weinheim.

Zeitplan mit Verpflegungsstationen
Zeitplan mit Verpflegungsstationen
Das Bändchen weist mich als Teilnehmer aus
Das Bändchen weist mich als Teilnehmer aus
Jörg und Daniela, dahinter unser Supporter Günter
Jörg und Daniela, dahinter unser Supporter Günter
Am Start in Frankfurt
Am Start in Frankfurt
Socken
Zeig her deine Socke
Kurz vor dem Start
Kurz vor dem Start

Günter von Wrightsock fährt mit dem Auto und unseren gepackten Sachen die Verpflegungsstationen an, zusätzlich gibt es drei weitere Treffpunkte zwischen den offiziellen Stationen. Das ist praktisch, da wir so nicht alles tragen müssen und nur für eine Teilstrecke benötigte Sachen mitnehmen müssen. Sogar an Stühle ist gedacht, das macht mir meine Dehnübungen in den Pausen einfacher.

Protokoll einer Wanderung

15:40 Uhr — Ich reibe die Füße mit Hirschtalg ein und mache leichte Dehnübungen. Wirklich aufgeregt vor dem Start bin ich nicht, vielleicht etwas nervös. Ich ziehe mein Hoodie noch kurzfristig an – im Schatten ist es doch etwas frisch – und schiebe die Ärmel hoch.

16:00 Uhr — Natürlich möchten wir in der ersten Startgruppe dabei sein, haben wir so eine Stunde mehr Zeit, um ins Ziel zu gelangen. Das gelingt uns auch, Punkt 16 Uhr wandern wir los. Bianca verlieren wir gleich zu Beginn, sie müsste irgendwo hinter uns sein, Jörg, Rolf und Brigitte setzen sich bald ab, so dass ich zusammen mit Daniela und Michaela die ersten Kilometer lief.

16:42 Uhr — Das Feld hat sich bereits auseinandergezogen, als wir durch Wald und auf Schotterwegen Neu-Isenburg nach 4 Kilometern erreichen. Unterwegs muss ich einmal einen Baum bewässern und benötige wieder einige Zeit, um Daniela einzuholen.

17:00 Uhr — Die erste Stunde ist vorbei, bereits 5,6 Kilometer liegen hinter uns – ein recht schnelles Einstiegstempo. Das liegt sicherlich auch daran, dass man sich an den Pulk anpasst und nicht so wirklich sein Tempo läuft. Der Trinkschlauch hat sich bereits bewährt, schnell kann ich unterwegs trinken, ohne aus dem Rhythmus zu gelangen oder Zeit zu verlieren.

Unterwegs auf den ersten Kilometern
Unterwegs auf den ersten Kilometern
Diesem Wegzeichen folgen wir (meistens)
Diesem Wegzeichen folgen wir (meistens)
Sonnenuntergang
Sonnenuntergang

17:46 Uhr — Die tiefstehende Sonne scheint zwischen den Bäumen hindurch. Eine tolle Abendstimmung kommt auf, als wir durch den Wald laufen.

18:00 Uhr — 11,6 Kilometer liegen bereits hinter uns. Immer noch zu schnell. Wir nehmen Tempo raus.

19:00 Uhr — Wir sind bereits 16,6 Kilometer gelaufen, die letzte Stunde war es nun ein 5,0 km/h-Schnitt. Schon besser. Wir passieren einen Weiher bei Dreieichenhain. Die Sonne ist inzwischen untergegangen.

19:12 Uhr — Ich hole die Stirnlampe heraus, es wird nun schnell dunkel.

19:46 Uhr — Es kühlt im Wald ab, mein Atem kondensiert in der Luft.

Unterwegs in der Dämmerung
Unterwegs in der Dämmerung
Abendrot am Himmel
Abendrot am Himmel
Flugzeug im Abendrot
Flugzeug im Abendrot

20:00 Uhr — Wir gelangen zur ersten Verpflegungsstation nach 21,2 Kilometern, eine längere Pause steht an. Leider befindet sich unser Versorgerfahrzeug einige hundert Meter entfernt. Während unserer Pause treffen auch Bianca und Michaela ein. Ich reibe zum ersten Mal meine Waden mit Pferdesalbe ein, die Kühle der Salbe tut gut. Jörg, Rolf und Brigitte sind ca. 30 Minuten vor uns.

20:35 Uhr — Weiter geht es zusammen mit Bianca und Daniela.

21:00 Uhr — Die 23,4 Kilometer sind gepackt, fast ein Viertel der Strecke absolviert. Bald laufen wir über freies Feld, ein toller Sternenhimmel ist über uns sichbar. Licht aus, immer wieder schaue ich hinauf.

Markierung zur ersten Verpflegungsstation
Markierung zur ersten Verpflegungsstation
Unterwegs imDunkeln
Unterwegs imDunkeln
Daniela bei Dehnübungen an der zweiten Verpflegungsstation
Daniela bei Dehnübungen an der zweiten Verpflegungsstation

21:30 Uhr — Das Feld hat sich weiter auseinander gezogen. Zwischen Kilometer 25 und 28 meldet sich mein linkes Knie. Ich ignoriere es, das will sich bestimmt nur wichtig machen.

22:00 Uhr — 28,6 km sind geschafft, die letzte Stunde 5,2 km/h im Schnitt, wieder etwas zu schnell, aber noch akzeptabel. Immer wieder fliegen Flugzeuge über uns hinweg. Trotz der frischen Temperaturen ist es mir angenehm warm. Am Wegrand passieren wir immer wieder kleine Grüppchen, die Pause machen oder ihre Blasen versorgen.

22:10 Uhr — Ich fühle mich gut, zum ersten Mal denke ich ernsthaft darüber nach, die Wanderung tatsächlich zu Ende zu laufen. Ich stelle mir vor, wie es ist, über die Ziellinie zu laufen. Durch die ausgeschütteten Endorphine bin ich in Hochstimmung.

22:42 Uhr — Ich erreiche unser Wrightsock-Versorgerfahrzeug, Bianca und Michaela habe ich den letzten Kilometer hinter mit gelassen, kurz darauf treffen sie auch ein. Einige Dehnübungen tun der Muskulatur gut. 32,2 Kilometer, fast ein Drittel der Strecke schon absolviert. Brigitte ist inzwischen ausgestiegen. Jörg und Rolf sind ca. eine Stunde vor uns.

23:06 Uhr — Wir brechen wieder auf. Ich ziehe Handschuhe an, da es mit den Trekkingstöcken und einem leichten Wind doch kühl ist. Am Oberfeldhaus bei Darmstadt herrscht etwas Verwirrung über den Weg. Bald führt uns ein toller Trail durch den Wald, hier sind wir größtenteils alleine unterwegs.

0:00 Uhr — Mitternacht, Geisterstunde. Geister sehen wir aber nicht. Nun 6 Stunden unterwegs, 36,6 Kilometer.

0:10 Uhr — Ankunft an der Verpflegungsstation 2. Einige Dehnübungen, nach zehn Minuten laufen wir weiter.

Am Jagdschloss Kranichstein
Am Jagdschloss Kranichstein
Riesensäule am Reichenbacher Felsenmeer
Riesensäule am Reichenbacher Felsenmeer
Pferd in der Morgendämmerung
Pferd in der Morgendämmerung

1:00 Uhr — 40,4 Kilometer zeigt mir mein GPS-Gerät bereits an. Nun meint mein rechtes Knie, es müsste sich bemerkbar machen. Ich ignoriere es und kurz darauf ist wieder alles im Lot.

1:46 Uhr — Ich genieße auf offenen Feld den Sternenhimmel und den Blick auf Ober-Ramstadt. Beim Abstieg in den Ort glitzert das Tau im Gras durch das Licht der Stirnlampe.

2:05 Uhr — 45 Kilometer sind erreicht, Günter wartet mit dem Fahrzeug am Bahnhof in Ober-Ramstadt. Bianca und Daniela steigen aus, bei Daniela war es so geplant, Bianca macht der hohe Asphaltanteil zu schaffen. Das tut mir echt leid, vor allem da sie sich so gut vorbereitet hat. Nach kurzer Pause laufe ich alleine weiter, der Weg führt durch Ober-Ramstadt, wieder viel Asphalt.

2:12 Uhr — Nun wird es hügelig, der erste größere Anstieg steht an. Plötzlich kommt ein warmer Wind auf, ich ziehe die Handschuhe aus und rolle die Ärmel meines Hoodies hoch. Zum ersten Mal setze ich nun die Trekkingstöcke kräftig bei der Steigung ein. Zwischenzeitlich war der Weg unklar, der GPX-Track zeigte einen Pfad an, der im Gelände nicht existent war. Doch inzwischen sind auch zwei Radfahrer vom Organisator dabei, diese sprühen Markierungen auf den Weg und fragen uns auch, ob alles okay ist, oder ob wir Hilfe benötigen.

3:00 Uhr — 48,7 Kilometer sind bereits gewandert.

3:17 Uhr — 50 Kilometer, die Hälfte der Strecke ist geschafft, ich fühle mich trotz der fortgeschrittenen Uhrzeit hellwach und weiterhin fit.

3:31 Uhr — Auf einer Anhöhe geht es über freie Fläche. Im Osten lugt die Sichel des Mondes über eine Hügelkuppe, das Sternenfirmament ist fantastisch. Im Westen ist die Rhein-/Mainebene zu sehen, die Hochhäuser von Frankfurt leuchten in der Nacht. Nun wird es wieder frischer.

3:38 Uhr — Ich durchquere Frankenhausen, die Wanderung führt weiter auf Asphaltwegen auf der Höhe entlang. Bei einem leichten Anstieg habe ich den Eindruck, der Weg führt in die Sterne hinein. Ich schalte meine Stirnlampe aus, genieße beim Laufen den fantastischen Sternenhimmel.

4:00 Uhr — 53,8 Kilometer liegen hinter mir. Mein Körper signalisiert mir: Alles funktioniert, keine Probleme. Ich bin inzwischen der festen Überzeugung: Ich komme am Ziel an.

4:04 Uhr — Ich schreibe an Günter eine SMS mit meiner voraussichtlichen Ankunft an der nächsten Verpflegungsstation, ich gehe von 5:15 Uhr aus. Zum ersten Mal gähne ich kurz – sollte ich doch müde werden?

5:00 Uhr — Ich komme an der Verpflegungsstation 3 bei der Kuralpe an. 58,8 Kilometer, ein 5 km/h-Schnitt in der letzten Stunde, so soll es sein. Besser vorwärtsgekommen als gedacht. Hier mache ich wieder eine längere Pause. Ich reibe meine Füße mit Hirschtalg ein und wechsle die Socken. Auch die Pferdesalbe an den Waden tut gut. Jörg und Rolf sind inzwischen 1,5 Stunden vor mir. Ich trinke einen halben Liter Wasser und fülle meine Vorräte auf.

5:25 Uhr — Weiter geht es, ab jetzt kenne ich die Strecke gut von meinen Wanderungen im Odenwald. Zunächst steht ein kräftiger Anstieg auf den Felsberg an, den ich recht locker nahm. Die Stöcke helfen ungemein. Nach dem Aufstieg kam der steile Abstieg durch das Reichenbacher Felsenmeer. Obwohl ich schon oft hier war, finde ich den Weg nicht. In der Nacht sind die Markierungen schwer zu sehen, ich schalte die Stärke der Stirnlampe auf Maximum. Ah, da geht es weiter. In der unteren Hälfte gibt es Stau, eine größere Gruppe befindet sich direkt vor mir, der steile Pfad ist schmal.

6:07 Uhr — Die Durchquerung des Felsenmeers ist geschafft, das war anstrengend. 61,4 Kilometer. Durch das stille Reichenbach laufe ich nun alleine. Am Ortsende mache ich die Stirnlampe an und kleine Wassertröpfchen kommen auf mich zu. Oh, es kommt Nebel auf. Wieder ein kräftiger Anstieg, ich bewältige ihn gut, keine Erschöpfungserscheinungen, ich bin hellwach. Aussteigen ist nun keine ernsthafte Option mehr. Ich bin inzwischen komplett alleine unterwegs, vor und hinter mir sehe ich keine Lichter.

6:38 Uhr — Eine Stunde vor Sonnenaufgang erblicke ich einen kleinen Schimmer am östlichen Horizont, ich sehe die Venus über einem Hügel, der Morgen kommt langsam. Ich überhole bald andere Teilnehmer.

7:00 Uhr — 65,7 Kilometer, in einem Tal bildet sich Bodennebel. Ein strammer Anstieg beansprucht wieder meine Kräfte. Zwischendurch ist wieder unklar, wie der Weg verläuft, da er den E1 abkürzt, schließlich habe ich die Schneise gefunden, auf schwierigen Terrain laufe ich weiter bergan.

7:23 Uhr — Ich telefoniere mit Günter, die Verpflegungsstation 4 liegt im Tal, ein Kilometer hinab und dann wieder hinauf. Ich beschließe, diese nicht anzugehen, ich muss ja keine unnötige Strecke und Höhenmeter laufen.

7:40 Uhr — Sonnenaufgangszeit. Ich sehe zwar noch keine Sonne, aber es ist inzwischen hell genug, die Stirnlampe wegzupacken. Nach den vorherigen Steigungen verläuft der Weg nun eben auf Schotter.

Die Morgensonne scheint durch die Bäume
Die Morgensonne scheint durch die Bäume
Blick zum Nebelmeer im Weschnitztal
Blick zum Nebelmeer im Weschnitztal
Auch der Steigkopf bietet einen herrlichen Blick auf den Nebel im Weschnitztal
Auch der Steigkopf bietet einen herrlichen Blick auf den Nebel im Weschnitztal

8:00 Uhr — Genau 70 Kilometer gewandert. Die tiefstehende Morgensonne scheint durch die Bäume. Bald erreiche ich die Guldenklinger Höhe, auf der Gaststätte am Steigkopf blicke ich hinab auf das Nebelmeer im Weschnitztal, einige Hügelkuppen ragen aus dem Nebel heraus. Ein toller Anblick.

9:00 Uhr — 74,2 Kilometer – meine Durchschnittsgeschwindigkeit lässt nach, das liegt aber auch an den Foto- und Twitterpausen, die ich unterwegs gemacht habe. Ich fühle mich immer noch fit, auch nach einem Dreiviertel der Strecke. Unglaublich, das hätte ich vorher nicht erwartet.

9:20 Uhr — Die Juhöhe ist erreicht, ich laufe nun wieder alleine, weit und breit kein anderer Teilnehmer zu sehen. Ich überprüfe immer wieder den Track auf meinem GPS-Gerät: Bin ich hier noch richtig? Endlich sehe ich wieder zwei Wanderer, das beruhigt.

10:00 Uhr — Ich gelange zur letzten Verpflegungsstation bei Ober-Liebersbach, die vom Wrightsock-Team betreut wird. Beinahe wäre ich daran vorbeigegangen, doch dann sehe ich Daniela. Lächelnd laufe ich hin, ich fühle mich fantastisch. Einige Dehnübungen stehen wieder an, etwas essen und trinken und Wasservorräte auffüllen. Ich freue mich auf die letzten 20 Kilometer, noch etwa 4-4½ Stunden und ich bin am Ziel.

10:20 Uhr — Nach der Pause laufe ich weiter, die Wachenburg oberhalb von Weinheim ist bereits zu sehen.

Landschaft vor Birkenau
Landschaft vor Birkenau
Pferde am Wegrand
Pferde am Wegrand
Verlockender Rastplatz in der warmen Herbstsonne
Verlockender Rastplatz in der warmen Herbstsonne

11:00 Uhr — 82,8 Kilometer

11:12 Uhr — Ich komme an einem schönen Rastplatz vorbei und beschließe, eine Pause einzulegen. Die Sonne scheint warm vom Himmel, ich blicke über die Hügel des Weschnitztals und verzehre das letzte Putenbrötchen.

11:40 Uhr — Birkenau ist erreicht, noch etwa 12 Kilometer. Am Bahnübergang treffe ich einen anderen Wanderer. Er erzählt mir, dass er eine Zerrung im Oberschenkel hat und sein Team irgendwo hinter ihm ist, wo sich auch das Erste-Hilfe-Set befindet. Ich biete ihm eine Schmerztablette an, die er gerne annimmt. Er ist Epileptiker und macht den Megamarsch mit, toll. Wir laufen ein Stück zusammen.

12:00 Uhr — 86,8 Kilometer, ein letzter kräftiger Anstieg. Mein Begleiter ist zunächst hinter mir, dann scheint die Schmerztablette zu wirken und er zieht an mir vorbei. Ich werde ihn am Ziel wiedersehen, wo er sich nochmals für die Hilfe bedankt. Ich denke, dass ich oben angekommen bin, rechts geht es nach Weinheim, links nach Buchklingen. Doch der Track zeigt nach links. Oh, noch eine Schleife. Zunächst moderat, dann wieder etwas kräftiger wandere ich aufwärts. Zwischendurch muss ich mich in die Büsche schlagen, die letzte Toilettenmöglichkeit war an der Kuralpe, ich erinnere mich an das Buch „How to shit in the woods”.

12:50 Uhr — Ich bin endlich oben angekommen und blicke hinab nach Buchklingen. Im Ort geht es dann die Kreisstraße hinunter, ich schaue mehrmals auf den Track, ja, tatsächlich, der Weg führt die ganze Straße entlang hinunter nach Weinheim.

12:55 Uhr — Ich bekomme eine SMS von Daniela, dass Jörg es geschafft hat. Rolf hat unterwegs wohl aufgegeben.

13:00 Uhr — 91,1 Kilometer. Inzwischen brennen etwas meine Fußsohlen, ich spüre aber keine Blasen. Kilometerlang wandere ich wieder auf Asphalt, wenn es irgendwie geht, weiche ich auf das Gras neben der Straße aus. Unterwegs hält ein Fahrzeug vom Megamarsch-Team, ich bzw. meine Schuhe werden gefilmt, wie sie über den Asphalt laufen - von vorne und von hinten. Ich überhole einige andere Wanderer, die ziemlich fertig aussehen, eine Teilnehmerin läuft gebeugt, ein anderer stützt sich mühsam auf einen Stock.

13:29 Uhr — Ich erreiche Weinheim. An einer Bushaltestelle mache ich noch kurz einige Dehnübungen. Plötzlich bekomme ich Hunger, ein Riegel schafft Abhilfe. Ich laufe weiter an der Straße entlang. Unterwegs zeigt mir ein Passant den Weg an, immer geradeaus.

13:53 Uhr — Ein Helfer weist mir den Weg hinauf zum Schlosspark, ich telefoniere Daniela an, dass ich gleich da bin, ich möchte ja einen netten Empfang bekommen.

Skulptur am Wegrand
Skulptur am Wegrand
6 Kilometer können ganz schön lang sein
6 Kilometer können ganz schön lang sein
Finisher!
Finisher!

13:58 Uhr — Ich winke Daniela zu, dann laufe ich nach 22 Stunden lächelnd durch das Ziel. Gleich bekomme ich auch eine Medaille umgehängt und werde abgelichtet. Mein GPS-Gerät zeigt 96,5 Kilometer an. Fantastisch, dass ich das geschafft habe, hätte mir das jemand vor einer Woche gesagt, hätte ich ihn nicht ernst genommen. Ich hole mir die Urkunde und das Freigetränk ab, ich war der 100. Finisher. Es dauert nicht lange und ich werde müde und muss häufig gähnen, der Adrenalinspiegel sinkt ab.

Die Stunden danach

Ich werde von Daniela an der Straßenbahnhaltestelle in Weinheim abgesetzt, es dauert etwa 25 Minuten, bis die Bahn kommt. Bei der Fahrt zurück nach Mannheim fallen mir immer wieder die Augen zu. Nur nicht einschlafen, denke ich, sonst verpasst du noch deinen Anschluss. Es klappt aber alles. Zuhause angekommen dehne ich noch etwas und schaue mir meine Füße an, die mich so weit getragen haben. Das sieht gut aus, doch dann bemerke ich doch eine kleine Blase, die sich am Zehnagel befindet. Ich bin froh, gute Socken zu haben (von Wrightsock) und der Hirschtalg hat sicherlich auch dazu beigetragen, dass ich guten Fußes durchkam. Nun lege ich mich erst einmal hin. Jetzt erst merke ich, wieviel Schlaf mir fehlt, nach drei Stunden wache ich aber wieder auf. Um wieder in den normalen Rhythmus zu kommen, bleibe ich erst einmal wach, und gehe zur üblichen Zeit wieder schlafen. Den Montag habe ich glücklicherweise frei.

Am nächsten Morgen dann die Überraschung: Bis auf einen leichten Muskelkater in den Waden und den Oberschenkeln ist alles in Ordnung. Erstaunlich, ich habe es mir den nächsten Tag schlimmer vorgestellt. Inzwischen kommt mir die Leistung wie ein Traum vor: Bin ich wirklich 100 Kilometer gelaufen? Ich brauche vermutlich etwas Zeit, zu realisieren, was ich geleistet habe.

Fazit

Ich bin aus meiner Komfortzone herausgetreten und habe bemerkt, dass sie viel weiter reicht als gedacht. Gegen Ende, vielleicht ab Kilometer 90, habe ich sie verlassen, als meine Fußsohlen anfingen zu schmerzen und die Kilometer sich zogen. Einige andere, die ich unterwegs getroffen und überholt habe, haben diese Zone eindeutig früher verlassen. Eine Teilnehmerin erzählte, dass sie fünf Blasen und bereits Schmerzmittel genommen hatte, das war etwa bei Kilometer 70.

Es war meine erste Veranstaltung dieser Art, daher kann ich keinen Vergleich anstellen. Was mir jedoch auffiel: Es gab immer wieder Probleme mit der Wegführung, vor allem auf der zweiten Hälfte des Wegs. Einmal gab es einen Pfad vor Ort nicht, das hätte man durch vorherigen Ortsbesuch erkennen können. Wegmarkierungen haben oft gefehlt, wo der MegaMarsch vom E1 abzweigte. Kurz nach Ober-Ramstadt traf ich auf zwei Radfahrer des Veranstalters, die nun Pfeile auf den Weg sprühten. Das war doch wirklich etwas spät. Immerhin fragten sie uns nach unserem Zustand und ob alles in Ordnung sei. Die Verpflegungspunkte waren gut organisiert, soweit ich das beurteilen kann, waren ausreichend Nahrungsmittel vorhanden.

Ich persönlich fand den Asphaltanteil viel zu hoch. Immer wenn ich auf Asphalt lief, habe ich nach einer Weile gemerkt, dass dies für die Gelenke nicht gut ist. Wenn es ging, bin ich auf den Schotter oder Grasstreifen am Rand ausgewichen. Auf den letzten acht Kilometern auf einer teils kurvenreichen Straße zu laufen, die keinerlei Gehweg am Rand hatte, war suboptimal. Immer wieder fuhren Autofahrer recht dicht vorbei.

Ob ich noch einmal eine solche Veranstaltung mitlaufe? Vielleicht, es hat mir auf viel Spaß bereitet. Ein Highlight war die Nachtstrecke mit dem tollen Sternenhimmel und dem Nebelmeer im Weschnitztal am Morgen. Aber ich bevorzuge doch Strecken mit einem geringeren Asphaltanteil. Schau'n mer mal, was die Zukunft so bringt.

Mein Dank geht an das Wrightsock-Team, ohne das meine Leistung sicherlich nicht möglich war. Die Betreuung war toll. Ich gratuliere auch Jörg zu seiner Leistung, seine Erlebnisse beleuchtet er im Artikel „Mega Feeling! Mein MegaMarsch in Frankfurt”.

Länge: 98,9 km, Anstieg: 1.785 m, Abstieg: 1.760 m

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